Der Traum vom Fliegen

 

 

 

 

General Fritz Grunz besuchte Ophelia seit dem Tod ihrer Tante regelmäßig.
Er erkundigte sich nach ihrem Wohlbefinden, sah nach das sie vernünftige Lebensmittel statt Pizza eingekauft hatte,
reparierte hier und da kleine Dinge im Haushalt und führte lange Gespräche mit ihr.

 

 


 

 

 

 

„Was machst du nur den lieben, langen Tag hier alleine? Andere Teenager sind ständig auf der Piste, du nicht!
Ist das nicht etwas langweilig?“ Ophelia lächelte. „Ich gehe zur Schule, mache meine Hausaufgaben und lerne.
Damit bin ich genug beschäftigt. Und ab und an kommt Richard vorbei.“

 

 

 

 


 

 

„Aber du schließt keine Freundschaften. Wenn ich an meine Jugendzeit denke...“
„Du darfst nicht von dir auf andere schließen“ erwiderte Ophelia. Ich bin anders wie alle anderen.“
„Zum Glück“ antwortete Fritz und erschrak etwas über seine Antwort.

 

 


 

 

 

 

Er betrachtete Ophelia zum wiederholten Male. Nicht nur das sie sich optisch von den anderen unterschied.
Sie war auch im Geiste anders, wie ihre Tante. Ruhiger, reifer, die graugrünen Augen ruhig und fest auf ihr Ziel gerichtet.
Wüsste Fritz nicht wie alt sie wirklich war, hätte er gedacht sie wäre zehn Jahre älter.

 


 

 

 

 

„Ich muss gehen“ sagte Fritz und erhob sich. „Hier ist ja alles in Ordnung.“
Ophelia begleitete ihn zur Tür. Impulsiv umarmte sie ihn zum Abschied.
Zaghaft lächelte Fritz und ging dann mit schnellen Schritten davon.
Das alles hier brachte ihn durcheinander, die Umgebung, das Mädchen, das Grab...

 

 

 

 

 


 

 

Fritz kam zu Hause an und sah seinen Sohn Richard mit einem fremden Mädchen rumschmusen.
„Was tust du da!“ fuhr Fritz ihn an. „Du bist doch mit Ophelia zusammen! Wie kannst du sie dann betrügen?“
Richard grinste nur. „Dad, es sind einfach zu viele süße Fischlein im See als das ich da eines auslassen könnte...“

 

 

 

 


 

 

„Du bist wie deine Mutter!“ entfuhr es dem General. Richard wurde böse.
„Achja? Wie war denn meine Mutter? Warum erzählst du nie etwas?
Was verheimlichst du uns? Ich weiß das du etwas verbirgst!“
Fritz drehte sich abrupt um und lief ins Haus.

 

 


 

 

 

 

Zitternd ging er zur Bar und holte den Wodka heraus.
Er brauchte kein Eis. Er kippte den Alkohol pur herunter.

 

 

 

 


 

 

Nachdem der Inhalt der Flasche merklich abgenommen hatte, ging er hinaus.
Im hinteren Teil des Gartens war eine dreistöckige Aussichtsplattform mit einem kleinen Teleskop aufgebaut.
Fritz ging langsam die Stufen hinauf. Von hier oben konnte er ganz Merkwürdighausen überblicken, nur der Kurioshügel war höher.

 

 


 

 

 

 

Der Alkohol zeigte seine Wirkung. Fritz musste sich am Geländer festhalten, so begann er zu schwanken.
Der Effekt verstärkte sich noch als er direkt nach unten sah. Fritz erinnerte sich an seine zwei Weltraumflüge.
„Ich möchte wieder fliegen“ dachte er. „Ich möchte die Arme ausbreiten und einfach allem davon fliegen...“

 

 


 

 

 

 

Fritz setzte seinen linken Fuß auf das Geländer. Er versuchte seinen Körper nachzuziehen, doch er schaffte es nicht.
Er versuchte es noch einmal. Und diesmal klappte es.
Er setzte sich auf das Geländer, drei Stockwerke über dem hartgebackenen Wüstensand...

 

 

 

 


 

 

Fritz schloss die Augen. Ihm wurde schwindlig. Er breitete die Arme aus und  war bereit sich fallen zulassen...
„Daddy, was tust du da? Komm da runter, du könntest runterfallen!“ Fritz erschrak.
Er hielt sich schnell fest und kletterte zurück auf die Plattform. Gerd, sein Jüngster stand hinter ihm.

 

 

 

 


 

 

„Daddy, warum warst du da oben drauf? Du hast uns immer verboten da rauf zu klettern...“
Fritz rieb sich die Stirn. „Mein Gott, was hätte ich beinahe getan.“
Ein paar Sekunden später und der kleine Gerd wäre eine Vollwaise gewesen.
„Ich habe nicht aufgepasst. Man darf hier nicht rauf, du hast Recht. Ich war leichtsinnig. Lass uns nach unten gehen.“

 

 

 

 


 

 

Fritz brachte seinen Jüngsten ins Bett und deckte ihn zu.
„Ich hab dich lieb, Daddy“ brabbelte Gerd beim Einschlafen.
Fritz lächelte und gab dem Kleinen einen Kuss. „Ich hab dich auch lieb.“
Und im Gedanken dankte er seinem kleinen Lebensretter.

 

 

 

                       Nächste Folge: Simbiologie #1