Liebschaften
Richard holte seine neuen Klamotten aus
dem Schrank und zog sich um. Nach einem letzten,
zufriedenen Blick in den Spiegel sprang er die Treppen hinunter und setzte sich
in seinen neuen Sportwagen.
Er hatte ein Date und er wusste genau, dass dieser Abend das volle Programm
versprach, denn das tat es mit diesem Mädchen immer...

Britta schloss die Badzimmertür hinter
sich und begab sich in die Dusche. Sie fühlte sich zwar nicht schmutzig,
doch sie wollte einfach mal ihren Eltern entkommen. Seit Jonny nicht mehr im
Haus lebte,
hatte sich die gesamte Aufmerksamkeit von Techie und Jenny Schmitt auf ihre
Tochter fokussiert.

Britta schnaubte verächtlich. Früher
hatten ihre Eltern sie weniger beachtet, sie hatte immer im Schatten
ihres großen Bruders gelebt. Jonny war immer der Größte, der Beste, er lernte
schneller, er war gescheiter,
stärker, liebenswerter... Ihre Eltern hoben Jonny in den Himmel.
Britta nannte ihren Bruder heimlich „grüne Wanze“.

Britta hasste Jonny. Ja, sie hasste
nichts mehr wie ihren Bruder auf dieser Welt, diesen eingebildeten,
muskelbepackten, schwulen Grünling! Immer stand sie hintenan, es gab nur Jonny,
Jonny und nochmals Jonny!
Für nichts hatten ihre Eltern Augen, als für ihn! Britta war ja nur der
Mitläufer, das kleine, niedliche Mädchen,
dem man nichts zutraute, das kulleräugig, mit blonden Zöpfen, lieb in der Ecke
spielte.

Doch sie hatten sich getäuscht. Britta
war weit mehr als das. Sie war ebenso gescheit, sie war ebenso charmant.
Sie hatte hervorragende Noten in der Schule, wie ihr Bruder. Doch sie war nicht
an einem Studium interessiert.
Sie wollte ihre Intelligenz und ihre Cleverness direkt in einem lukrativen
Gewerbe einsetzen.
Und sie hatte schon einen Job in Aussicht. Ihre Eltern würden sich wundern.

Britta war genauso Halb-Alien wie ihr
Bruder Jonny, doch sie hatte die normale Haut ihrer Mutter Jenny geerbt.
Aber Britta wusste genau, dass sie nach der Vererbungslehre ebenso ein grünes
Kind bekommen konnte.
Und dafür hasste sie ihre Eltern. Sie würde ihnen dieses Verbrechen, das sie
ihrer Meinung nach begangen hatten, nie verzeihen.

Britta war nun mit sich zufrieden. Sie
war heute Abend mit Richard Grunz verabredet,
dem größten Schwerenöter von Strangetown. Britta wusste das, doch es war ihr
egal welches Herz er damit brach,
wenn er mit ihr zusammen war. Richard war nett, witzig, und er war hübsch. Warum
sich nicht seiner bedienen.

Zu Schulzeiten war Britta in Richards
Bruder Theo vernarrt und oft war sie es, die Theo dazu anstiftete,
mit ihrem Bruder zu kämpfen. Und nun war der hübsche und knackige Theo mit ihrem
verhassten Bruder zusammen,
eine verweichlichte Schwuchtel. Britta schüttelte sich bei dem Gedanken.

Richard holte sie mit seinem neuen, schicken Wagen ab. ‚Angeberkarre’ dachte
Britta als er vorfuhr,
doch das Auto passte zu ihm. Ideal um jede Nacht ne andere Braut aufzureißen.
Sie stieg ein und Richard fuhr mit ihr in die Downtown, wo sie die Nacht in den
einschlägigen Clubs verbrachten.

Anschließend lud er sie noch zu sich nach
Hause ein, und Britta ließ sich von ihm verführen.
Während Richard auf ihr lag, lächelte sie vor sich hin. Männer sind so leicht zu
kontrollieren.

Britta pflegte schon eine Weile diese
lockere, für beide Seiten befriedigende Beziehung zu Richard.
Sie hatte Spaß mit ihm, er vertrieb ihr die Zeit, und der Sex war ausgezeichnet.
Mehr würde sie nur
von ihrer Karriere ablenken. Und wer weiß, vielleicht würde dieser Heißsporn
eines Tages nützlich für sie sein...

Richard besuchte Ophelia nach längerer
Zeit mal wieder. Ophelia hatte Tags drauf Geburtstag und
Richard würde auch endlich bei ihr zum Zuge kommen.
Er fragte sich schon länger, wie die dunkelhäutige, junge Frau als Geliebte sein
würde.

Ophelia freute sich ihn zu sehen und bat
Richard ins Wohnzimmer. „Du warst schon lange nicht mehr da.
Wie geht es dir, was treibst du?“ Richard erzählte von seinem neuen Wagen, dem
coolen Job in der Diskothek und all seinen Freunden...

Je mehr Richard erzählte, desto mehr
wurde Ophelia bewusst, wie sehr sie sich unterschieden.
Der erwachsene Richard hatte nichts mehr mit dem niedlichen Jungen zu tun, in
den sie sich verknallt hatte.
Richard war ein oberflächlicher Angeber geworden, und Ophelia wusste das er sich
bei einem Mädchen nur für ihren Unterleib interessierte.

Richard studierte Ophelias Gesicht,
während sie sich unterhielten. Ophelia war sehr hübsch und klug,
außerdem warmherzig und fürsorglich. Genau das Richtige, wenn ein Mann sesshaft
werden will, dachte Richard.
Eines Tages, wenn ich meinen Spaß gehabt habe, wird sie die Richtige sein.

Richard rutschte zu Ophelia hinüber und
legte den Arm um sie. Er fing an sie zu streicheln und sanft zu küssen.
Auch wenn die ernsten Absichten noch auf sich warten ließen, konnte man die
Frucht vorher schon mal probieren...

Richard zerrte an Ophelias Kleidern und
seine Küsse wurden immer wilder. Ophelia bekam es mit der Angst.
„Richard, hör´ auf, ich will das nicht!“ „Stell´ dich nicht so an“ keuchte
Richard. „Lass uns doch ein wenig Spaß haben!“
Ophelia schaffte es Richard von sich zu stoßen. „Ich sagte NEIN!“

Richard strich sich durchs wirre Haar.
„Was ist mit dir los? Du hast morgen Geburtstag!
Auf den Tag kommt es nicht an!“ „Das ist es nicht“ erwiderte Ophelia leise. „Was
denn?“
„Richard, ich liebe dich nicht.“ „Was heißt du liebst mich nicht? Du warst doch
total in mich verknallt!“
„Ja, war ich. Doch jetzt nicht mehr. Ich liebe jemand anderen.“

Total perplex starrte
Richard Ophelia an. „Jemand anderen? Wen? Wer ist das Schwein?“
Ophelia drehte sich weg und sagte keinen Ton. Richard nahm sie an den Schultern
und drehte sie wieder zu sich.
„Ich weiß“ flüsterte er. „Mein Vater. Dauernd rennt er zu dir. Mein Vater treibt
es mit dir.
Dieses alte, perverse Schwein treibt es mit der Freundin des eigenen Sohnes!“

„Das ist nicht wahr!“ entrüstete Ophelia
sich. „Dein Vater hat mich niemals angefasst!
Er ist ein ehrlicher Mann, im Gegensatz zu seinem Sohn! Er würde es nie wagen
etwas zu tun das ich nicht will!“
Richard grinste Ophelia boshaft an. „Du würdest es mit ihm tun, stimmts?
Du würdest tatsächlich diesen alten Hurensohn mir vorziehen.“ Ophelia schluckte.
„Ja...“

Richard schüttelte entgeistert den Kopf.
„Wieso?“ „Weil ich ihn liebe...“
„Liebe, pah! Der Kerl weiß überhaupt nicht was Liebe ist! Mein Leben lang hat er
mich nur traktiert,
immer nur herumkommandiert und mich spüren lassen was ich doch für eine
Enttäuschung für ihn bin!
Der kann überhaupt nicht lieben! Er nimmt nur! Er hat mir meine Mutter genommen,
nun nimmt er mir die Freundin!“

„Das war nicht er, das war ich selbst“
stellte Ophelia fest. Es ist meine Entscheidung,
dass ich nicht mit dir zusammen sein will. Ich will nicht eine von vielen sein.
Ich will DIE Frau im Leben eines Mannes sein, nicht nur der
Samstagnachmittagfick.“

Wutentbrannt stand Richard auf. „Ok.
Schön. Dann bleib doch wo der Pfeffer wächst, du und dein alter Sack!“
Wütend stapfte Richard aus dem Haus. Ophelia setzte sich wieder auf die Couch
und starrte vor sich hin.
Sie hatte es niemals für möglich gehalten, aber was sie eben gesagt hatte war
die Wahrheit:
sie hatte sich in General Fritz Grunz, den einundzwanzig Jahre älteren Vater von
Richard verliebt...
