Jonny bekam Theo die nächsten Tage kaum
zu Gesicht. Theo ging ihm aus dem Weg,
da war er sich sicher und er konnte es ihm nicht verübeln. Jonny war sehr
unglücklich darüber,
er wollte doch unbedingt mit ihm reden, ihm alles erklären und, wenn das noch
möglich war,
sich mit ihm versöhnen und mit ihm zusammenkommen.

Aber immer wieder verpasste er ihn. Jonny
fragte Vanessa, Theos Komolitonin und soweit er wusste gute Freundin von ihm.
„Weißt du wo Theo in letzter Zeit steckt? Ich muss dringend mit ihm sprechen...“
Vanessa sah ihn schief an.
„Habt ihr Probleme? Ich dachte ihr wärt zusammen...“

Jonny wandte schuldbewusst den Kopf ab.
„Nee, ich hab da was vermasselt... deshalb muss ich ja mit ihm reden.
Ich dachte du wüsstest Bescheid...“ „Auch mir erzählt er nicht alles“ erklärte
Vanessa. „Aber das wundert mich nicht,
er hat morgen seine erste Ausstellung und da hat er natürlich viel zu tun.“

Jonny horchte auf. „Seine erste
Ausstellung? Wo? Wann?“ „Morgen ab 10:00 Uhr in der kleinen Galerie in der
Downtown.
Aber warum fragst du ihn nicht selbst, er müsste eigentlich in seinem Zimmer
sein.“ Jonny dankte Vanessa und ging zu Theos Zimmer.
Er atmete tief durch und klopfte zaghaft an. Ob er wohl endlich mit ihm reden
würde?

Aber es antwortete niemand. Jonny nahm
seinen Mut zusammen und drückte auf die Klinke.
Es war nicht abgeschlossen. Vorsichtig öffnete er die Tür und spähte hinein.
Er konnte Theo nicht sehen, aber dafür etwas anderes...

Er sah sich selbst. Überlebensgroß
lächelte er von der Leinwand. Jonny war fasziniert und gerührt zugleich.
Theo hatte ihn gemalt, nur aus seiner Erinnerung, jede einzelne Partie perfekt
bis auf die kleinste Haarsträhne, hatte er Jonny auf die Leinwand gebannt.
Jonny bekam feuchte Augen. So etwas hatte er niemals erwartet.

„Du bist ein wahrhaftiger Künstler, Theo
Grunz“ flüsterte Jonny ergriffen. Jonny betrachtete sein Abbild noch sehr lange.
Dann verließ er Theos Zimmer und ging trainieren.
Er musste sich von seinem Gefühlschaos erholen, und das konnte er am besten beim
Sport.

Aufgeregt lief Theo in der kleinen
Galerie auf und ab. Er hatte seine allererste Ausstellung,
zum ersten Mal würde er seine Werke der Öffentlichkeit präsentieren! Theo hoffte
sich in der Kunstwelt einen Namen machen zu können.
Er wollte seine Bilder gut verkaufen können und, was noch viel wichtiger war, er
wollte seinem Vater beweisen das er auf eigenen Beinen stehen konnte.

Theo hatte mit seinem Bruder Richard
telefoniert. Richard konnte nicht kommen, er musste arbeiten.
Aber er versprach sich die Bilder an einem anderen Tag anzusehen. Doch von
Richard wusste Theo dass sein Vater in der Zeitung
über die Ausstellung gelesen hatte und auf dem Weg hierher war.

Sein Vater. Theo gab es nicht gerne zu,
aber die meiste Aufregung galt ihm. Was würde er sagen?
Würde er zufrieden sein? Würde er endlich den Weg, den Theo für sich gewählt
hatte, akzeptieren und stolz auf ihn sein?

Theo ging seine Bilder noch einmal der
Reihe nach ab. Er hatte alle mitgebracht, alle bis auf eines.
Das Bild von Jonny stand noch auf der Staffelei. Doch das würde seine
Privaträume niemals verlassen, diese Bild war nur für ihn.
Beim Gedanken an Jonny wurde Theo wieder total durcheinander.
Er liebte ihn immer noch, obwohl er krampfhaft versuchte seinen grünen
Komolitonen aus seinem Kopf zu bekommen.
Aber es wollte ihm einfach nicht gelingen.

Insgeheim hoffte Theo das Jonny hier
auftauchen würde, aber wenn ehrlich zu sich selbst war wollte er ihn lieber
nicht sehen.
Jedes mal wenn er Jonny zu Gesicht bekam wurde es nur schlimmer. Vielleicht
sollte ich einfach mal ausgehen, dachte Theo.
Andere Leute kennen lernen, vielleicht ist ein anderer dabei...

Jonny betrat die kleine Galerie und sah
sich um. Er war vorher noch nie hier und kannte sich nicht aus.
Er beschloss einfach die Gänge nach und nach abzugehen und die Augen nach Theo
offen zu halten.
Wie der Name schon sagte war die Galerie nicht besonders groß, denn sie war
hauptsächlich für junge, unbekannte Künstler gedacht.

Jonny bog um eine Ecke und konnte hören,
wie sich jemand stritt. Er ging langsam weiter und an der nächsten Ecke sah er,
wer da eine laute Auseinandersetzung hatte: General Grunz und Theo.
Jonny trat einen Schritt zurück um nicht gesehen zu werden, aber er konnte alles
hören.

„Vater sie es doch endlich ein, ich bin
kein Soldat! Ich bin Maler! Ich will etwas schaffen, nicht zerstören!
Ich will Schönheit in die Welt bringen, keinen Hass!“
„Mit Malerei bewegst du gar nichts! Weder
reichlich Geld in deine Geldbörse, noch verbesserst du die Welt!
Aber als Soldat dienst du der Simheit, bewachst den Frieden und trägst zu einer
besseren Welt bei!“

„Vater, wer hat dir bloß solch einen Mist
erzählt? Du glaubst das doch wohl nicht selbst?
Soldaten zerstören, sie töten im Namen falscher Ideale! Das kann und will ich
nicht!“
„Du entehrst die gesamte Familie Grunz!
Schon dein Großvater war General! Wir alle sind Soldaten aus Liebe!
Aus Liebe zur Simheit und aus Liebe zum Frieden!“ „Erzähle mir nichts von Liebe,
Vater!
Das ist ja wohl gerade der Begriff, von dem du gar nichts weißt!“

Geschockt sah Fritz Grunz seinen Sohn an.
Er hatte ihn an seinem wunden Punkt erwischt.
Theo hatte keine Vorstellung wie viel Ahnung von Liebe sein Vater wirklich
hatte...
„Und noch etwas“ sagte Theo und holte
tief Luft. „Ich bin schwul. Ich liebe Männer. Oder besser gesagt, einen Mann.“
„Dann bist du als „Künstler“ ja im bester Gesellschaft“ sagte General Grunz
leise.
Er wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich noch einmal um und sah seinen Sohn
verächtlich an.
„Ich will dich nie wieder sehen.“

General Grunz ging und Theo sah ihm
fassungslos nach. Jonny stand an die Wand gepresst und beobachtete Theo,
der die Schultern hängen ließ und weinte. Jonny dachte darüber nach was Theos
Vater gesagt hatte.
Es war ihm von vornherein klar gewesen das Vater und Sohn total verschiedene
Ansichten vom Leben hatten.
Und wie er es vorausgesehen hatte, war der General nicht damit einverstanden
dass sein Sohn schwul war.
Aber was Jonny am meisten im Kopf herumging, war die Aussage dass Theo „einen
Mann“ liebte...

Jonny löste sich aus seinem Versteck und
ging auf den schluchzenden Theo zu.
Er legte ihm vorsichtig den Arm um die Schultern und wollte ihn an sich drücken,
doch Theo stieß ihn weg.
„Was willst du? Willst du mich jetzt auch noch niedermachen?“ „Ich will dich
nicht niedermachen“ antwortete Jonny verwirrt.
„Ich wollte nur...“ „Was wolltest du?“ fauchte Theo. „Mir sagen dass du Recht
hattest? Das ich wieder nur Ärger habe?“
„Nein“ antwortete Jonny leise.

„Was denn?“ Traurig sah Jonny Theo an.
„Dir sagen das es mir leid tut.“
Theo schnappte nach Luft, sagte jedoch nichts. Unschlüssig standen die zwei
jungen Männer voreinander.
Dann machte Jonny einen Schritt auf Theo zu und nahm seine Hand.
„Theo, es tut mir so leid was ich dir angetan habe. Ich habe dir wehgetan. Und
ich habe dich angelogen...“

Jonny machte noch einen Schritt und stand
nun dicht vor Theo. Er legte vorsichtig seine Arme um ihn und küsste ihn sanft.
Leise flüsterte er ihm zu: „Theo, ich liebe dich...“

Theo löste sich aus Jonnys Armen und
machte einen Schritt zurück. Traurig sah er Jonny an und schüttelte dann den
Kopf.
„Jonny... ich kann nicht... bitte geh.“ Jonny starrte Theo entsetzt an. „Was..
wieso... ich dachte du liebst mich auch...“
Theo ließ den Kopf hängen. „Ja, Jonny. Aber ich kann nicht mehr... Bitte geh
einfach...“
